
Written by Anneliese Tonn-Pollex Wednesday, 21 April 2010 17:44
Warum Wahrnehmung nicht unbedingt die Wahrheit ist...
Der falsche Fuffziger...
Handlungsort: Wochenmarkt – genau genommen der Isemarkt - in Hamburg, sein (des Freundes) Lieblingsapfelstand
Beteiligte: Ein Freund, die Besetzung des Apfelstandes, mehrere bisher unbeteiligte Kunden
Plot: Es war wieder voll an dem Marktstand, der die besten Topazäpfel auf dem Isemarkt in Hamburg verkauft. Wenn Sie diese Äpfel riechen, dann sehen Sie die Äpfel frisch und reif am Baum hängen, dann spüren Sie die Wärme der Sonne, unter der sie gereift sind und am liebsten möchten Sie dann – ich verspreche es Ihnen – sofort hinein beißen. Dafür stellt man sich schon mal an und wartet geduldig bis man an der Reihe ist.
Damit hatte der Freund auch kein Problem. Das Problem kam später, genau genommen dann, als er bezahlten wollte. Mit großen Scheinen kann man nichts werden auf dem Wochenmarkt, das ist klar. Nun ist es wohl Interpretation, ab wann die Scheine zu groß sind. Der Freund reichte der – eigentlich freundlichen – Apfelverkäuferin einen 50-Euro-Schein, als die friedliche Wochenmarktszene sich in eine turbulente „Haltet-den-Dieb-Szene“ verwandelte. Jedenfalls meinte der Freund das im Nachhinein. Die Standbesetzung nahm nämlich den Geldschein und es ging ein allgemeines lautes Suchen nach dem Stift los, der den Schein möglicherweise als Fälschung identifizieren sollte. In der letzten Zeit seien so viele falsche 50iger aufgetaucht und da müsste man sich absichern, so die Apfelhändlerin.
Und jetzt kommt das, was wir als „Konstruktion der Wirklichkeit“ beschreiben können.
Der Freund entschied sich dafür, dieses Procedere als verletzend und unmöglich zu empfinden. Das hat natürlich Folgen in Bezug auf die Kommunikation, erst die eigene und dann die der anderen Beteiligten. Erst kommt natürlich die Körpersprache, Unwohlsein und nachfolgende Aggression sind einfach zu identifizieren. Man könnte, von außen gesehen, auch ein Schuldeingeständnis interpretieren. Der Freund erzählte mir „wie peinlich (es war), alle sahen mich an, als ob man jetzt endlich den Geldfälscher gestellt hätte, der schon seit Monaten gesucht wurde“, und so hat er (der Freund) wahrscheinlich auch geguckt, nehme ich jedenfalls an. Ziemlich aggressiv entfuhr es ihm dann: „Ja den habe ich heute morgen frisch gedruckt, extra für diesen Einkauf.“ Ob der Heftigkeit dieser Bemerkung richteten sich nun alle Blicke auf ihn, was natürlich dazu führte, dass er sich noch unwohler und wahrscheinlich schon fast schuldig fühlte.
Na ja, werden Sie jetzt vielleicht sagen, ist ja auch peinlich solch eine Aktion. Ja klar, nur die Kernfrage ist doch: wodurch entsteht die Peinlichkeit und wo fängt sie an?
Wenn wir davon ausgehen, dass wir (alle) die Wirklichkeit konstruieren, dann könnten wir doch ganz entspannt diese Aktion zu einer amüsanten, Theater ähnlichen Inszenierung werden lassen und vielleicht als Akteur zu einer slapstickartigen Nummer entwickeln, die ja auch schon in sich einer gewissen Komik nicht entbehrt.
Die Moral von der Geschichte:
Ja, wenn wir es denn schaffen, in der Wahrnehmung und damit im Erleben mal die Perspektive zu wechseln, dann sieht die Welt und die selbst konstruierte Wirklichkeit möglicherweise ganz anders aus – oft auch viel einfacher und manchmal auch zum Lachen.
Wie es dem Freund mittlerweile geht? Auf jeden Fall hat er gesagt, dass er da nie wieder hingehen würde – schade (für ihn), oder? Denn die Äpfel sind wirklich köstlich ☺.
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